Viel Spaß

4. Februar 2012

Wie wünscht man sich auf Russisch eigentlich “Viel Spaß”?

Wörtliche Übersetzungen, z.B. много радости oder много удовольствие, werden nicht verwendet. Im Wörterbuch finden sich Phrasen wie желаю приятно провести время, die ein wenig umständlich erscheinen, auch wenn sie so tatsächlich benutzt werden. Eine kurze Möglichkeit, jemandem Spaß bei einer Tätigkeit zu wünschen, die der Zerstreuung dient, ist удачи. Das ist der Genitiv Singular von удача, das Wort bedeutet “Erfolg” und “Glück”. Es mutet auf Deutsch zwar komisch an, jemandem, der zum Beispiel ins Kino oder in ein Konzert geht, dabei Glück oder Erfolg zu wünschen, aber so wird es gemacht.

Zur Erinnerung: Man wünscht im Russischen mit dem Genitiv (желаю успехов, “ich wünsche der Erfolge”), und auch ein einzelnes Wort wie удачи, das im Genitiv steht, wird als Wunsch verstanden.

Zählen und kein Ende

13. Januar 2012

Zunächst einmal ein Frohes Altes Neues Jahr! Heute Abend, Freitag, 13. Januar, ist der letzte Tag des orthodoxen Jahres, da die orthodoxe Kirche die vom westlichen Papst Gregor XIII 1582 verordnete Kalenderreform nicht mitgemacht hat. Dadurch kann man in Russland diese Nacht schon wieder Neujahr feiern.

Außerdem Frohes Neues Normales Jahr… Ich gebe zu, dass ich über Weihnachten und Neujahr ziemlich faul war, was dieses Blog angeht, aber es gab einfach zu viele andere Baustellen für mich. Heute möchte ich aber mal wieder aufs Thema zurückkommen und etwas über die russische Sprache schreiben. Und zwar mein Lieblingsthema: das Zählen. Immer, wenn ich denke, dass ich den Wahnsinn der Komplexität des Zählens auf Russisch durchschaut habe, entdecke ich neue wundersame Unerklärlichkeiten…

Ко мне пришло семь детей. Я удивлен, что так много детей пришло.

Auf Deutsch sagen wir “Zu mir kamen sieben Kinder. Ich bin verwundert, dass so viele Kinder kamen.” Das Verb orientiert sich an der Mehrzahl des Subjekts. Das ist im Russischen offensichtlich nicht so. Stattdessen wird das Zahlwort (hier: семь) beziehungsweise die Mengenangabe (много) wie ein Neutrum Singular behandelt, also пришло und nicht etwa пришли.

Lauter Laute

28. November 2011

Sehr nützlich finde ich folgende Webseite:

Russian Articulation

Zwar ist die Seite in englischer Sprache, aber diese Unterabteilung bietet eine gute Hilfestellung bei der Aussprache der einzelnen russischen Laute. Man kann sich den Laut von einem Muttersprachler ausgesprochen anhören und es gibt eine recht genaue englische Beschreibung dessen, was im Mund eigentlich passiert, zusammen mit einer passenden bildlichen Darstellung des Mundraums aus seitlicher Perspektive. Damit sollte es möglich sein, die eigene Aussprache zu verbessern, denn die rein textlichen Erklärungen in Lehrbüchern sind doch meist schlecht umsetzbar.

Sich fürchten

17. November 2011

In einem Gespräch ist mir kürzlich ein interessantes Phänomen begegnet. Eine russische Lehrerin schrieb “она не боится папу”. Zu Deutsch: sie fürchtet ihren Vater nicht. Aber während das deutsche “fürchten” ein transitives Verb ist, ist ein russisches Verb auf -ся intransitiv, darf also keinesfalls ein Akkusativobjekt haben.

Normalerweise entspricht der Akkusativ männlich und sächlich deklinierter russischer Nomen dem Nominativ, nur wenn diese Belebtes bezeichnen, dann entspricht er dem Genitiv. Бояться nimmt als Verb normalerweise den Genitiv. Im Wörterbuch steht daher бояться кого-нибудь / чего-нибудь. Кого-нибудь könnte wegen der Belebtheit auch für Akkusativ stehen, aber чего-нибудь ist eindeutig.

Папу ist jedoch Akkusativ, also eigentlich eindeutig grammatisch falsch. Dennoch, so sagte meine Gesprächspartnerin, “spricht man so”. Und tatsächlich, googelt man z.B. nach “бояться папу”, findet man eine ganze Reihe Beispiele von Erziehungswebseiten gleich auf der ersten Ergebnisseite:

Девочки, так приятно, наш малыш наконец-то перестал бояться папу.

Не могу понять, чего так бояться папу.

Я считаю,что ребёнок должен бояться папу.

Ребёнок стал бояться папу!

Можешь ли припомнить, когда начала бояться папу и почему?

Auch diese Diskussion unter Muttersprachlern zeigt, dass hier eine gewisse Unsicherheit herrscht, übrigens auch in Bezug auf die reflexiven Verben слушаться und дожидаться.

Auf Deutsch gibt es nicht nur “etwas / jemanden fürchten”, sondern auch “sich fürchten”, und genau letzteres bedeutet бояться, da die reflexive Endung -ся nichts anderes ist als ein verkürztes себя, also “sich”. Und da das bereits ein direktes Objekt ist, ist eigentlich kein Platz für ein weiteres. Was fehlt, ist ein Wort, das “etwas fürchten” bedeutet. Man könnte nun annehmen, dass ein Verb боять existiert, aber eine Suche nach diesem Wort in Wörterbüchern fördert nichts zutage, obwohl dieses Wort vielleicht früher einmal gebräuchlich war. Aber diesem nicht existenten Wort geht es wirklich gut, denn es wird sogar recht häufig gebraucht, wie eine Googlesuche zeigt:

Надо ли боять смерти?

Дешевизна, которой не надо боять.

Ребенок стал боять спать ночью.

Я заметила,что парни очень боять знакомиться сами.

Auch diese Beispiele stammen gleich von der ersten Ergebnisseite, und es gibt zigtausende Treffer. Interessanterweise wird hier trotzdem der Genitiv oder eine Verbphrase verwendet, es könnte also genausogut бояться da stehen.

Verzeih mir…

20. Oktober 2011

Manchmal kommt man in eine Situation, in der man um Verzeihung bittet. Neben der einfachen Entschuldigung mit извини / извините gibt es die Möglichkeit, die Verben простить (vollendet) und прощать (unvollendet) zu verwenden. Die Verwendung ist einfach:

Прости меня за оскорбление. Verzeih mir für die Beleidigung.
Прости меня за то, что … Verzeih mir dafür, dass…

Aber es gibt hier einen ganz bösen Fallstrick für uns Deutsche, die wir uns in unserer Sprache nicht mit vollendeten und unvollendeten Verben herumschlagen müssen. Die Befehlsform des unvollendeten Verbs bedeutet, wenn sie für sich allein steht, keinesfalls “Verzeih mir”! Прощай bedeutet vielmehr “Auf Nimmerwiedersehen!”

Das Lied Не говорите мне прощай will also nicht sagen, dass sich die Angesprochenen nicht zu entschuldigen brauchen, sondern sie sollen sich nicht für immer von dem Singenden abwenden.

Findest du nicht auch?

18. Oktober 2011

Manchmal findet man zwischen Deutsch und Russisch nicht nur Unterschiede, sondern auch Ähnlichkeiten.

Wenn man auf Deutsch die Bestätigung seines Gesprächspartners für eine Aussage einfordert, kann man das durch einen Zusatz machen wie “findest du nicht auch?”. In einem Gespräch begegnete mir vor kurzem zum ersten Mal eine russische Variante, die man statt zum Beispiel не так ли? verwenden kann und eine direkte wörtliche Entsprechung ist: не находишь?

ПАРАЛЛЕЛИ - не находишь?

Noch eine kleine Anmerkung in eigener Sache: da es mir zunehmend schwer fällt, pünktlich zum Wochenende eine zündende Idee für einen längeren Blogeintrag zu bekommen, und mir häufig Kleinigkeiten wie die obige auffallen, die für einen wöchentlichen Eintrag etwas kurz geraten, werde ich ab jetzt das Veröffentlichungsschema freier gestalten. Ich habe zwei, drei etwas umfangreichere Themen in Arbeit, streue aber in Zukunft zwischendurch immer wieder solche kleinen Anmerkungen wie die obige ein.

Neues fürs Wochenende

30. September 2011

Auf mir lastet ein Fluch. Für manches, was ich am Wochenende gerne mache, gibt es einfach kein russisches Wort, jedenfalls nicht in gängigen Wörterbüchern. Bei der aktuellen Wetterlage habe ich zwei Dinge vor, und als ich eben davon auf Russisch erzählen wollte, fehlten mir die Worte.

Aber Google ist mein Freund. Zunächst mal ein Blick auf das gängigere Ereignis: ich grille gerne. Der Russe an sich grillt zwar auch, aber er hat dafür kein Verb. Er жарит шашлыки. Das bildet sozusagen eine Einheit. Es wird nicht einfach gegrillt, sondern es wird etwas gegrillt, und zwar Schaschlik. Wenn Sie grillen, grillen Sie Schaschlik? Also, ich eher nicht. Aber жарить allein heißt auch “braten” und “rösten”, es ist also eine Zubereitung mit Feuer, nicht notwendigerweise jedoch auf dem Grill.

Die nach Westeuropa ausgewanderten Russen haben sich unserer Art zu grillen angepasst und unser Wort dafür auch gleich entlehnt. Auch wenn sie sogar Würstchen auf Spieße schieben. Googeln Sie mal nach гриллить. Viele Seiten, auf denen das Wort auftaucht, haben europäische Domänen oder befassen sich mit europäischen Themen, aber in Russland selbst ist das Wort eher unbekannt. Russen in Deutschland benutzen es aber häufig. Und wenn man noch ein bisschen weiter googelt, findet man auch grammatische Abwandlungen. Aber die Fundstücke sind selten. Wir haben es hier mit einem Wort zu tun, das sich leicht in das imperfektive Futur (z.B. будем гриллить) und in die Vergangenheit (гриллили) setzen lässt und mit по- perfektiv wird. Und hier die imperfektive Präsens-Konjugation (mit по- dann auch die perfektive Futur-Konjugation):

гриллю

гриллишь

гриллит

гриллим

гриллите

гриллят

Noch exotischer wird es, wenn ich davon erzählen will, dass wir geocachen gehen. Геокэшинг ist als Nomen in der russischen Wikipedia beschrieben, ein Verb gibt es da jedoch nicht. Aber auch hier wird Google fündig: геокэшить. Es gibt ebenfalls ein perfektives Verb mit по-, Konjugationsbeispiele sind aber äußerst dünn gesät. Vorsichtig behaupte ich deshalb:

геокэшу

геокэшишь

геокэшит

геокэшим

геокэшите

геокэшут

Aber es handelt sich dabei sowieso um ein Hobby, das man in der Regel erklären muss.

Ich mach’ mir ‘nen Tee…

26. September 2011

Das russische Verb, das für viele Vorgänge des Kochens benutzt wird, ist готовить. Außer “kochen” und “zubereiten” heißt es auch “vorbereiten”, “ausbilden” und kann für viele weitere Zusammenhänge benutzt werden, nicht nur für kulinarische.

Es ist möglich, einfach zu sagen “я готовлю”, wenn man ausdrücken will, dass man Essen zubereitet, also kocht. Allerdings wird dieses Verb nur bei Vorgängen verwendet, die auch wirklich eine gewisse Zeit und mehrere Handgriffe zur Zubereitung und zum Garen in Anspruch nehmen. Я готовлю суп, макароны, сольянку. Einfachere Dinge, wie zum Beispiel einen Tee oder Kaffee kochen, ein Butterbrot schmieren, einen Salat zubereiten, werden nicht mit dem Verb готовить beschrieben, sondern einfach mit делать: Я делаю чай.

Wem auch immer….

16. September 2011

Ich lerne jetzt bald seit drei Jahren Russisch, aber es passieren immer noch elementare Fehler. So auch immer wieder gerne bei der Verwendung der unbestimmten Fürwörter.

Gerade eben wollte ich in einem Chat sagen: “Am Sonntag helfe ich jemandem beim Umzug”.

Geschrieben habe ich zunächst: В воскресенье я помогу кому-нибудь переезжать.

OK, Anfängerfehler, hätte ich merken können. Ich bekam zur Antwort: Как так? Ты еще не знаешь кому поможешь?

Nicht viel besser war daraufhin mein “Кому-то”.

Кое-кому - если ты его знаешь. Кому-то - если ты его не знаешь. Кому-нибудь - если тебе все равно кому помогать. Кто попросит, тому и поможешь.

Also, zusammenfassend: Im ersten Satz habe ich gesagt: “Ich helfe irgendwem, egal wem, (кому-нибудь) beim Umzug.” In der Berichtigung dann “Ich helfe jemandem, ich weiß nicht, wem, (кому-то) beim Umzug.” Richtig ist: “Ich helfe jemandem, ich weiß, wem, (кое-кому) beim Umzug.”

Wenig nützlich finde ich, dass кое-кто in meinen Grammatiken und Wörterbüchern im Vergleich zu den anderen Formen mit “mancher” wiedergegeben wird, denn ich helfe nicht manchem, sondern nur einer Person. Auch “manch einer” und “irgendwer” geben nicht gerade wieder, dass ich weiß, wem ich helfe, und nur den Namen nicht nenne.

Sonst…

9. September 2011

Wie schon im letzten Beitrag möchte ich auch heute wieder ein interessantes Phänomen in Bezug auf die Verneinung vorstellen.

Wie sagt man auf Russisch eigentlich “sonst” im Sinne von “anderenfalls”? Neben dem Wörtchen иначе findet man häufig eine sehr kurze Phrase, die sich aus den Wörtern alleine nicht sofort erschließt: а то. So heißt der Kinofilm “Stop! Oder meine Mama schießt!” auf Russisch “Стой! А то мама будет стрелять”.

Es gibt auch eine scheinbar verneinte Variante dieses Ausdrucks а не то. На газоне не паркуй, а не то получишь штраф. Nicht auf dem Rasen parken, sonst erhältst du eine Strafe. Was? Die Verneinung heißt auch “sonst” auf Deutsch?

“А не то” entspricht nicht, wie man erwarten könnte, dem deutschen “sonst (passiert es) nicht”, sondern vielmehr der Fügung “damit (es) nicht (passiert)”. Zur Verdeutlichung:

На газоне не паркуйся, а то получишь штраф.
На газоне не паркуйся, а не то получишь штраф.

Der Ratschlag bleibt derselbe, man soll nicht auf dem Rasen parken, aber die Fortführung unterscheidet sich: im ersten Fall heißt es “sonst erhältst du eine Strafe”, es wird also gesagt, was anderenfalls passiert, der zweite Satz jedoch sagt “damit du keine Strafe bekommst”, betont also, welchen Ausgang es zu vermeiden gilt.

Der zweite Ausdruck hat zudem eine gefühlsmäßige Bedeutung, er wird besonders bei scherzhaften Aussagen verwendet, so dass “а то” in der Regel eine normale Warnung darstellt, “а не то” jedoch eine emotionale Aussage:

Сынок, не ходи по луже, а то дам по попе.
Сынок, не ходи по луже, а не то дам по попе.

Beide Sätze heißen “Tritt nicht in die Pfütze, Söhnchen, sonst gibt’s was hinten drauf” (russische Mütter sind manchmal etwas resoluter, als wir das gewöhnt sind, den Satz habe ich von einer als Beispiel genannt bekommen. ;) ). Der erste Satz ist aber eine unmissverständliche Warnung: trittst du in die Pfütze, dann gibt es was hinten drauf. Der zweite kann mit lachendem Gesicht gesagt werden: die Mutter meint es nicht ganz so ernst.