Die Grammatik von Sprachen entwickelt sich auf natürliche Weise, sie wird nicht von irgendwem verfügt oder künstlich erzeugt. Leider führt auch diese natürliche Entwicklung manchmal zu Auswüchsen, die sich ein kleines Sprachteufelchen nicht boshafter hätte ausdenken können. Wo ist die Evolution mit ihrer natürlichen Auslese, wenn man sie braucht?
Jedem Russischlerner wird wohl frühzeitig klar, wie häufig der Genitiv im Russischen benutzt wird. Die Liste der Präpositionen, die Genitiv verlangen, ist länger als für jeden anderen Fall. Während der Genitiv im Deutschen vom Aussterben bedroht ist, ist er im Russischen also nur zu gesund. Obwohl ‘Gesundheit’ nicht gerade das ist, was mir zu folgender grammatischer Eigenheit als erstes einfällt.
Schnell lernt man, dass der Genitiv mit Mengenangaben verwendet wird. Man akzeptiert auch murrend, dass Zahlangaben, die mit den Ziffern von Zwei bis Vier enden, den Genitiv Singular verlangen, darüber Genitiv Plural. Aber die eigentliche Gemeinheit liegt in Adjektiven, die man noch dazu setzen möchte.
Das Adjektiv kümmert sich nämlich nicht um die voranstehende Zahl, sofern es keine Eins ist, es steht im Genitiv Plural:
Два, три, четыре больших чемодана - zwei, drei, vier große Koffer
Das Adjektiv passt also grammatisch nicht zum Substantiv. Leider gilt das zudem nur für männliche und sächliche Substantive, bei weiblichen Substantiven stimmt neben der Zahl noch nicht mal der Fall, es wird Nominativ Plural für das Adjektiv verwendet, während das Substantiv im Genitiv Singular bleibt:
Две, три, четыре большие сумки - zwei, drei, vier große Taschen
Ab Fünf normalisiert sich die Situation dann wieder, es wird in allen Geschlechtern für Adjektiv und Substantiv der Genitiv Plural verwendet.